Photos © Stuttgart Ballet
Krabat
Ballet by Demis Volpi after Otfried Preußler
Choreography
Demis Volpi
Music
Peteris Vasks, Philip Glass, Krzysztof Penderecki
Music of the Mill
Christoph Rensch
Libretto and Dramaturgy
Vivien Arnold
Stage and Costume Design
Katharina Schlipf
Light Design
Bonnie Beecher
Choreographic Assistent
Damiano Pettenella
World Premiere
Opera House, Stuttgart
March 22, 2013
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Children, as Otfried Preußler himself once famously said, “are the best and most intelligent audience a storyteller could ever wish for. They are strict, incorruptible critics.”
“So thank you, Mr. Anderson, for entrusting me with the most difficult of all tasks right from the start,” I remember thinking when Reid Anderson gave me the wonderful opportunity to choose the subject for my first full-length ballet—a story that would also appeal to a younger audience. Within just a few weeks, Otfried Preußler’s Krabat emerged as exactly the right choice. Even so, over the past months I have repeatedly been asked the same question: “Why Krabat?” Or, even more unsettling: “Why Krabat of all stories?”
My intention was to create a work that I myself would want to see—not only as an adult, but also as a young person. A work about things that matter to me. And I wanted to tell that story through dance, meeting the audience as equals, regardless of age.
Translating a story into dance is no easy task—especially when it is about far more than a love story. Krabat is, of course, about love, but it is also about temptation, power, violence, oppression, freedom, and the choices we make between them.
So why Krabat? Why such a challenging story?
Because I believe this story is important, and because it remains profoundly relevant. It is important because, in a spectacular and deeply moving way, it teaches us something extraordinary: unconditional love can—and ultimately will—overcome evil. And it remains relevant because it addresses a universal theme. Black magic here symbolizes power in all its forms. That is the brilliance of the story. This magic can stand for any situation in which the temptation of power comes into play.
Otfried Preußler’s lovingly told tale is based on an old Sorbian legend, yet it differs from that legend in several essential ways. Preußler strips away many of its cruel and violent images and replaces them with something even more unsettling: mystery. We never know exactly what has happened, but we can sense it—provided we do not deliberately look away.
Quite early in the creative process, I realized that this act of looking away is a recurring theme throughout the book. It also offered a compelling way to portray Krabat’s transformation and to provide a unifying thread throughout the ballet—not least because of the physicality of the gesture itself.
Krabat is the only character who has the courage to keep looking where it hurts most. He risks his life in doing so. That is ultimately what makes him the hero. He teaches us that refusing to look—what may initially seem like passive acceptance of a situation—is, in the end, also a way of choosing that very situation.
Of course, not everyone has the circumstances or the strength to become a hero. There are situations in which violence all but forces people to avert their eyes. What we must never forget, however, is that looking away must never become the instinctive reaction of an entire society.
Another profound difference between Preußler’s novel and the original legend is that Krabat can only overcome the dark forces together with the Kantorka, rather than with his adoptive mother, as in the traditional tale. This changes everything—or nearly everything. Instead of returning to where he came from, Krabat moves himself and those around him forward, toward the future. Thanks to this remarkable change, the story becomes one about the liberation of a society and its courageous step into the unknown.
And it is precisely this unknown that lies at the heart of the story.
Krabat rejects the Master and his black magic. He rejects power and the terrible price it demands. Instead, he chooses the world beyond the mill, the Kantorka and her love. He chooses freedom.
Both the novel and the ballet describe this freedom with remarkable subtlety. Why should our hero give up all his magical powers for it? What is so precious about it? Where do Krabat, the Kantorka, and the other apprentices go at the end of the story? They are free—but what does that actually mean? What is freedom?
My greatest hope is that, after every performance, at least one audience member—whether young or old—will leave the theatre asking themselves that question. Perhaps they will even decide to look more closely, in an effort to recognize that almost invisible, fragile line between freedom and the absence of it.
Those who do not look cannot truly see.
That is why Krabat.
Foreword by Demis Volpi, published in the programme book for the premiere of the ballet at Stuttgart Ballet on 22 March 2013.
This English version was translated for www.demisvolpi.com with the assistance of AI. -
Kinder, wie Otfried Preußler bekanntermaßen selbst einmal gesagt hat, „sind das beste und klügste Publikum, das man sich als Geschichtenerzähler nur wünschen kann. Kinder sind strenge, unbestechliche Kritiker.“ Vielen Dank, Herr Anderson, dass ich gleich bei der schwierigsten aller Aufgaben beginnen darf, dachte ich also bei mir, als Reid Anderson mir die so wunderbare Aufgabe anvertraute, für mein erstes abendfüllendes Stück einen Stoff auszusuchen, der auch für ein jüngeres Publikum interessant sein könnte. Schon nach wenigen Wochen kristallisierte sich Otfried Preußlers Krabat als genau richtig heraus. Trotzdem ist mir im Laufe der letzten Monate so oft die Frage gestellt worden: „Warum Krabat?“ oder, noch beunruhigender: „Warum gerade Krabat?“
Ich habe mir vorgenommen, ein Stück zu kreieren, das ich selbst gerne sehen würde, als Erwachsener, aber auch als junger Mensch. Ein Stück, das von Dingen handelt, die mich etwas angehen. Und ich wollte diese Handlung auf Augenhöhe durch Tanz kommunizieren. Für alle, egal ob alt oder jung.
Eine Geschichte in Tanz umzudichten ist keine leichte Aufgabe. Vor allem nicht dann, wenn es um viel mehr als nur eine Liebesgeschichte geht. Krabat handelt natürlich von Liebe, aber auch von Verführung, Macht, Gewalt, Unterdrückung, Freiheit und der Entscheidung zwischen all diesen Elementen.
Also warum Krabat? Warum gerade eine so schwierige Geschichte? Ich finde diese Geschichte wichtig und relevant. Sie ist wichtig, da sie uns etwas Wunderbares auf eine spektakuläre Art und Weise beibringt: Bedingungslose Liebe kann und wird das Böse immer besiegen. Und sie ist und bleibt relevant, da sie ein universell gültiges Thema behandelt: Schwarze Magie symbolisiert hier Macht – und zwar in jeglicher Form. Das ist das Geniale daran. Man kann diese Magie auf sämtliche Situationen beziehen, in denen die Verführung durch Macht eine Rolle spielt.
Diese liebevoll von Otfried Preußler erzählte Geschichte entstammt einer alten Sage, unterscheidet sich von dieser allerdings in einigen wesentlichen Punkten: Preußler „säubert“ sie von vielen grausamen und gewalttätigen Bildern und führt dafür ein noch furchterregenderes Mittel ein: das Geheimnis. Man weiß nie genau, was geschah, aber man kann es erahnen – wenn man nicht bewusst wegschaut.
Ziemlich früh im Entstehungsprozess dieses Stückes habe ich festgestellt, dass das „Wegschauen“ ein immer wiederkehrendes Thema im Buch ist und dass dieses Element eine gute Möglichkeit sein könnte, die Verwandlung Krabats zu zeigen, einen roten Faden durch die Vertanzung zu ziehen. Schon allein wegen der Körperlichkeit dieses Akts. Krabat ist die einzige Figur in dieser Geschichte, die den Mut hat, weiter hinzuschauen, wo es gerade schmerzt. Er riskiert dabei sein Leben. Das macht ihn letztendlich zum Helden. Er bringt uns so bei, dass das Nicht-Hinsehen, das vielleicht zuerst als ein passives Akzeptieren einer bestimmten Situation wahrgenommen werden kann, letztendlich auch eine Form ist, sich für diese Situation zu entscheiden. Natürlich hat nicht jeder die richtigen Voraussetzungen, um zum Helden zu werden. Es gibt Situationen, in denen Gewalt einen fast zum Wegschauen zwingt. Was wir nicht vergessen dürfen, ist allerdings, dass dieses Wegschauen nicht zur Reflexreaktion einer ganzen Gesellschaft werden darf.
Noch ein großer Unterschied zwischen Otfried Preußlers Buch und der alten Sage ist, dass Krabat sich nur gemeinsam mit der Kantorka gegen die dunklen Mächte wehren kann, anstatt – wie in der Sage – mit seiner Adoptivmutter. Das verändert vieles an der Geschichte, wenn nicht alles: Krabat bringt sich und seine Mitmenschen so weiter nach vorne, in die Zukunft, anstatt zurück dahin, wo er herkam. Die Geschichte handelt dank dieser klugen Veränderung dann plötzlich von der Befreiung einer Gesellschaft und ihrem mutigen Schritt ins Ungewisse.
Und dieses Ungewisse ist nun der ausschlaggebende Punkt: Krabat entscheidet sich gegen den Meister und seine schwarze Magie; er entscheidet sich gegen die Macht und ihren schrecklichen Preis. Er entscheidet sich für die Welt außerhalb der Mühle, für die Kantorka und ihre Liebe; er entscheidet sich für die Freiheit. Diese Freiheit wird im Buch – und auch im Ballett – in feinster Weise beschrieben. Warum soll unser Held all seine magische Macht dafür opfern? Was ist so toll daran? Wohin gehen Krabat, die Kantorka und alle Gesellen am Ende des Stückes? Sie sind frei, aber was bedeutet das? Was bedeutet diese Freiheit?
Mein Traum wäre es, wenn es gelingen würde, dass sich nach jeder Vorstellung mindestens ein Zuschauer diese Frage stellt. Egal ob alt oder jung. Vielleicht nimmt sich dieser Zuschauer sogar vor, genauer hinzuschauen, um zu versuchen, diese fast unsichtbare, dünne Grenze zwischen Freiheit und Unfreiheit zu erkennen.
Wer nicht hinschaut, kann nichts sehen.
Deswegen Krabat.
Vorwort von Demis Volpi, erschienen im Programmheft anlässlich der Premiere des Werks beim Stuttgarter Ballett am 22. März 2013.